Meine Gastfamilie empfing mich mit offenen Armen

Ricci aus Wien verbrachte drei Monate als Au-pair in Italien, der Stadt Romeos und Julias: Verona. Hier erfahrt ihr von ihren persönlichen Erlebnissen während ihres Aufenthalts.

Ich entschied mich für eine Gastfamilie in Verona

Am 12. September ging es – wieder einmal – mit dem Zug Richtung Verona, der Stadt Romeos und Julias. Ich hatte mich bereits ein Jahr zuvor auf der Seite AuPairWorld angemeldet, ein Profil angelegt und kräftig Familien in Italien angeschrieben. Am Ende entschied ich mich für eine russisch-italienische Familie im schönen Verona. Meine Gastfamilie hatte mich angeschrieben und nicht andersherum. Sie hatte mir nicht einfach zufällig eine Nachricht oder ein Video gesendet. Deshalb hatte ich mich für sie entschieden.

Ich hatte eine gewöhnungsbedürftige, aber durchaus abenteuerliche Anreise

Die Zugfahrt war, um es nett auszudrücken, schrecklich. Ich hatte mir gedacht, dass ich mir nicht, wie bei der Interrail, einen Sitzplatz, sondern vielmehr einen Liegeplatz nehmen würde. Leider habe ich erst um 4 Uhr morgens verschwitzt und schlaflos festgestellt, dass es kein schönes Erlebnis war, oben zu liegen. Naja, für das nächste Mal weiß ich Bescheid. Mein Abteil war vollkommen belegt. Es waren auch wirklich alle Typen von Menschen vertreten: ein Dicker, der schnarchte, eine Alte, die mit sich selbst sprach, ein Mädel, was dauernd am Handy war (nein, ich war es nicht) und ein Mittdreißiger, der nicht aufhörte, mit mir zu sprechen. Irgendwann endete der Redefluss dann aber doch und ich flüchtete aus dem Abteil in den Gang.

Lustigerweise war dort eine Gruppe von Bikern, die schon angeheitert waren und mit mir ins Gespräch kamen… und zu einem Glas Wein sagte ich dann auch nicht Nein.

Nach dem Wein schlief ich auch viel besser ein. Weil es im Abteil jedoch ziemlich heiß geworden war, wachte ich auch relativ schnell wieder auf und beschäftigte mich mit Vokabellernen, dem Ausdenken von Sätzen für das Gespräch bei meiner Ankunft und Musikhören.

Ab 4 Uhr morgens nahm meine Aufregung immer weiter zu. Wie würde es wohl werden? Was erwartete mich? Wie war die Family? Wie waren die Kinder? Würde Verona mir gefallen? Und... und...und... Es war eine Mischung aus Vorfreude, Angst und Bedenken, die mein Herz ganz schön zum Rasen brachte.

Meine Gastfamilie empfing mich mit offenen Armen

Um 6:20 Uhr morgens kam ich dann endlich am Bahnhof „Verona Porta Nuova“ an und wurde herzlichst von der Familie in Empfang genommen. Die Kinder waren ganz aufgeregt. Nach dem Frühstück und der Wohnungsbesichtigung (ich bekam ein tolles großes Zimmer mit massivem Doppelbett),  nahm man mich auf eine private Stadtbesichtigung mit. Ich bekam meinen Mund vor lauter Begeisterung gar nicht mehr zu. Verona ist wirklich wunder, wunderschön…und in dieser Stadt durfte ich drei Monate lang leben und erleben. Che vita!

Herausforderungen gab es genug

Eine 8-köpfige Familie (wenn man die Oma mitzählte, welche die Verwandschaft so gut wie täglich besuchte) mit insgesamt vier Kindern. Ja, vier Kinder hatten mich auch zunächst einmal abgeschreckt, aber da Mama und Papa (...) keinen Babysitter gesucht hatten, sondern eher einen Nachhilfelehrer für Englisch und Deutsch, dachte ich mir, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Schließlich war ich ja einiges von meinem Bruder gewohnt ;) Außerdem hatten „nur“ drei Kinder in dieser Wohnung gelebt, da der älteste Sohn in Russland auf einem Sportinternat war. Was mich außerdem noch beim ersten Lesen des Profils angesprochen hatte, war die Tatsache, dass die Kinder alle erfahrene Schwimmer waren. Sportliche Betätigung war schon immer ein dickes Plus für mich. Der Tagesablauf der Kinder sah folgendermaßen aus: Von 8 bis 13:30 Uhr waren sie in der Schule, danach kamen sie schnell zum Essen nach Hause, von 14:30 bis 16:30/17 Uhr waren sie beim Schwimmtraining und ab 17:30 Uhr hieß es dann: lernen, lernen und nochmals lernen. Freizeit? Fehlanzeige! Nur Sonntags gab es kein Training, dafür umso mehr Gelegenheit zum Lernen. Ich muss sagen, dass ich in den drei Monaten, in denen ich Au Pair bei dieser Familie war, kein einziges Mal Freunde gesehen oder gehört habe, dass die Kids sich mit jemanden zum Kino oder Spielen verabredet hätten.

Ich war eher kein typisches Au Pair

Wie schon gesagt, ich war kein herkömmliches Au Pair, sondern eher ein Nachhilfelehrer für Sprachen. Abwaschen, Putzen, Bettwäsche wechseln, Saugen, Kochen, usw. musste ich nicht übernehmen, ganz im Gegenteil: im Haushalt musste ich keinen Finger rühren. Meine Gastmutter war Hausfrau und daher immer daheim. Sie hat alles erledigt. Anfangs war es zwar etwas merkwürdig, nach Hause zu kommen und zu sehen, dass mein Bett bereits gemacht war oder meine Sachen gewaschen waren, aber im Endeffekt war es doch eine Umstellung, die mir leicht gefallen war. ;)

Meine Woche sah folgendermaßen aus: An 6 Tagen die Woche musste ich jeweils von 17:30 bis 21:30 Uhr arbeiten. Meinen freien Tag durfte ich selbst bestimmen, jedoch musste er auf einen der Werktage fallen. Wenn abgesprochen, dann durfte ich auch mal zwei Wochen am Stück arbeiten und meine freien Tage akkumulieren. Mit jedem der drei musste ich ca. 1:15 h arbeiten. Es wurden Hausaufgaben oder Aufgaben in Büchern gemacht, die mir von der Mutter vorgegeben wurden, Vokabelmemory gespielt, Sendungen auf Deutsch bzw. Englisch geschaut, Lieder-Lückentexte ausgefüllt, nach deutscher/englischer Anleitung gebacken, Brettspiele oder Rollenspiele gespielt oder manchmal auch einfach nur geredet. Meine Kreativität wurde auf jeden Fall gefordert. Von Kind zu Kind hat auch die Unterrichtsweise variiert. Die Älteste war immer brav und unkompliziert und glücklich mit Aufgaben aus dem Buch. Die beiden jüngeren waren da schon anspruchsvoller. Manchmal war es auch schwer, die beiden zu motivieren, und vor allem der Kleinere war immer sehr schnell abgelenkt und anstrengend.

Am Wochenende gab es wiederum andere Regeln. Erstens durfte ich keinen meiner freien Tage auf das Wochenende legen, sondern nur auf die Werktage. Zweitens musste ich statt 4, 6 Stunden arbeiten, da ich samstags und sonntags auch mit dem ältesten Sohn in Russland über Skype lernen musste. Jap, das Wochenende war manchmal hart.

Meine Freizeit kostete ich vollstens aus

Da ich ja bis 17:30Uhr Freizeit hatte, musste ich mir irgendwie meine Zeit vertreiben. Ich wollte ja nicht die ganze Zeit zu Hause sitzen und an Wien denken. Nope, das ging ja nicht. Also habe ich Folgendes gemacht:

  1. Während des ersten Monats besuchte ich die Sprachschule, konnte dort mein Italienisch aufbessern und gleichzeitig Leute kennenlernen.
  2. Ich besuchte den Julietclub. Was das ist? Diejenigen, die den Film "Briefe an Julia" gesehen haben, werden sich auskennen. Jedenfalls ist der Julietclub eine Verbindung von Freiwilligen, die gerne Briefe von gebrochenen Herzen lesen und beantworten. Manchmal denkt man sich schon „Mädel du bist 14, geh lernen“ aber teilweise waren wirklich sehr bewegende Briefe dabei, die aufrichtig zu Tränen rührten. Der Julietclub ist wirklich wundervoll und die beiden Festangestellten, Giovanna und Elena, waren unheimlich lieb und freuten sich über jeden Freiwilligen. Es kann wirklich jeder kommen und Briefe beantworten, Fragen stellen oder auch einfach nur Briefe lesen. Megacool war außerdem, dass auch viele Journalisten oder sogar Fernsehteams in den Club kamen. Mein Gesicht war in der Zeitschrift Freundin und einem Dokufilm aus Hongkong zu sehen ;)
  3. Nach dem einmonatigen Sprachkurs in der Schule besuchte ich einen gratis Sprachkurs an der Uni von Verona; es war schlicht und einfach zu teuer geworden. Außerdem waren in diesem Kurs mehr Leute in meinem Alter und so konnte ich noch mehr Leute kennenlernen.
  4. Ich meldete mich in einem Rugbyverein an. Leider nahm ich jedoch nur zu Beginn am Training teil. Aufgrund meiner langen Arbeitszeit klappte es danach nicht mehr. Außerdem konnte ich ja an keinen Spielen teilnehmen, da das Wochenende ziemlich arbeitsintensiv war. Mähhhhhhh
  5. Das Au-pair vor mir hatte mir die Facebookseite „Tandem Verona“ empfohlen. Man postet einfach, welche Sprache man anbietet und welche man sucht. So konnte ich mein Italienisch verbessern, interessante Leute treffen und meine sprachlichen Kenntnisse an andere weitergeben. Eine wahre Win-Win-Situation.
  6. Noch etwas hatte ich Facebook zu verdanken: die Seite der Au-pairs in Verona. So habe ich viele Mädels kennengelernt, die selbst auch Au-pair in Shakespeare's Stadt waren. So konnten wir uns bei Café und Cornetto über unsere Families aufregen ;) Geteiltes Leid ist nun mal halbes Leid.

Ausflüge und Reisen: das absolute Highlight!

Auch wenn ich nur einen freien Tag hatte, nutzte ich ihn natürlich aus. Venedig, Gardasee, Padova, Bologna, Florenz, Bergamo... ich besichtigte sie alle. Eine ziemlich tolle Nacht verbrachte ich in Mailand. Zu siebt hatten wir die geniale Idee, um 21:30 Uhr den Zug nach Milano Centrale zu nehmen und dann wieder richtig feiern zu gehen, denn in Verona gibt es so gut wie kein Nachtleben. Es wurde dann eine seeeehr lange Nacht im Old Fashion Milano.

Ein Hammer war außerdem das Joy Division Konzert in Florenz, wo ich mit einem Freund für 2 Nächte hinfuhr.

Das Beste waren jedoch meine einwöchigen Ferien, die ich mir nach einem Monat durcharbeiten erarbeitet hatte, und zwar nach…trommelwirbel…. MAROKKO! Von Mailand Bergamo aus gibt es nämlich super billige Angebote von Ryanair nach, unter anderem, Marrakesch. Hin und zurück für nur 40 Euro. Da haben mein Freund und ich nicht nein gesagt. Und obwohl es leider viel zu kurz war, haben wir doch einiges erlebt. Dank Couchsurfing haben wir wieder tolle Leute getroffen und konnten die marokkanische Kultur hautnah miterleben. Wirklich eine gaaaaaaanz andere Lebensweise da drüben. Das Essen mit den Fingern und die Tatsache, dass alle nur aus einem Glas trinken ist schon etwas gewöhnungsbedürftig, aber das typische Gericht Tajine haben wir jetzt schon zum dritten Mal nachgekocht. Ich kann Marokko wirklich nur jedem empfehlen, auch wenn der erste Eindruck vielleicht nicht ganz so positiv ausfällt. Die Menschen wirken zwar auf den ersten Blick gefährlich, sind aber in Wirklichkeit unheimlich lieb!

Fazit

Ich hatte eine tolle Zeit in Verona. Ich konnte meine Italienischkenntnisse verbessern, coole Menschen kennen- und das Land lieben lernen. Au-pair zu sein kann schon manchmal eine Herausforderung bedeuten und ist bestimmt nicht jedermanns Sache. Man ist irgendwie nur ein halbes Mitglied der Familie, muss sich nach ihr richten und tun, was auch immer aufgetragen wird. Man muss sich an ihre Regeln halten, obwohl man diese nicht ganz nachvollziehen kann und stellt manchmal auch ihre Erziehungsmethoden in Frage. Im Großen und Ganzen bietet die Tätigkeit als Au-pair jedoch eine super Möglichkeit, länger an einem Ort zu bleiben, zu reisen, eine Sprache zu lernen und gleichzeitig Geld zu verdienen. Außerdem merkt man wie gut man es eigentlich zu Hause hat ;) Ob ich es nochmal machen würde…Hmm, keine Ahnung. Aber man soll ja niemals nie sagen.

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